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3; Diagnostischer Prozess und diagnostische Gutachten - Coggle Diagram
3; Diagnostischer Prozess und diagnostische Gutachten
Diagnostischer Prozess
Definition
Schmidt-Atzert & Amelang, 2012: «Abfolge von Massnahmen zur Gewinnung diagnostisch relevanter Information und deren Integration zur Beantwortung von Fragestellung»
--> gezielte Beantwortung konkreter und präziser Fragestellung
Verschiedene Schritte:
o 1. Fragestellung
o 2. Hypothesenbildung
o 3. Auswahl diagnostischer Verfahren
o 4. Datensammlung
o 5. Datenauswertung und -interpretation
o 6. Beantwortung Fragestellung
Differenzierung diagnostischer Prozess und psychologische Begutachtung
o Gutachten sind
kein zwingender Teil
einer psych. Diagnostik
o Gutachten
nicht nur
Untersuchungsbericht und Interpretation
Gründe für
Ablehnung
von psychologischer Diagnostik/Begutachtung
o Diagnostiker fehlt nötige Sachkunde (nicht Kompetenzbereich)
o nicht vereinbar mit Gewissen oder gesetzlichen Vorschriften
o Diagnostiker nicht neutral (z.B. Befangenheiten)
o Erkenntnisgewinn für Auftraggeber*in gemessen an der Belastung oder Kosten des Probanden gering
Diagnostisches Gutachten
Definition (gekürzt):
«
Dokumentiert
wissenschaftlich fundiertes
Vorgehen
und
beantwortet
Fragestellung eines Auftraggebers, welche bestimmte Aspekte des Erlebens und Verhaltens von einer/mehreren Personen betreffen.
Fragestellung im Rahmen des
Diagnostischen Prozesses
beantwortet. Im Gutachten werden Prozess und Beantwortung nachvollziehbar dargestellt.
Eingesetzte Methoden
beschrieben, sodass es nach Gütekriterien beurteilbar sind.
meist schriftlich, selten mündlich, an Auftraggeber*in gerichtet
Dauer:
mind. 3 Monate (i.d.R. 3-6)
Aufgabenbereiche
o Schule (Schulfähigkeit, Lernstörungen)
o Versicherung (Berufsunfähigkeit)
o Gesundheitswesen (psychotherapeutische Interventionen)
o Öffentliche Verwaltung (z.B. Namensänderung)
o Bundesagentur für Arbeit (Berufseignung)
o Verkehrsbehörden (Fahreignungsuntersuchung)
o Gerichte
Familiengericht (Sorgerecht)
Strafgericht (Schuldfähigkeit) und Strafvollzug (Kriminalprognose)
Sozialgericht (Berufs- und Arbeitsfähigkeit)
Diagnostisches Vorgehen
o Am Ablauf einer empirisch-wissenschaftlichen Untersuchung
o Multimethodal (mehrere Arten von Verfahren)
o Hohes Mass an Strukturierung => Vermeidung falscher Einschätzungen
Aufbau
Titelseite
Info wer in wessen
Auftrag
von wem wann begutachtet wurde
Überschrift
: “Psychologisches Gutachten”, Info über Gegenstand des Gutachtens
Spezifizierung der untersuchten Person
(ganzer Name, Geburtsdatum und -ort)
Name der/des
Gutachter*
in + Unterschrift
Datum
o Inhaltsverzeichnis (bei langen Gutachten)
o Zusammenfassung (bei langen Gutachten)
o Untersuchungsanlass
Hintergrund, vor dem Begutachten ergeben
Zweck der Begutachtung
o Fragestellung
Entspricht dem Auftrag!
(= Formulierung entspricht exakt der Vereinbarung zwischen Gutachter
in und Auftraggeber
in)
Vorgeschichte (wenn vorhanden)
nicht von Gutachter*in selbst erhoben
relevante Info für Beantwortung der Fragestellung
Verschiedene Quellen:
Gerichtsakten, Vorgutachten etc.
i.d.R. im Konjunktiv formuliert
Psychologische Fragen
“Übersetzung” Fragestellung in konkret, mit empirischen Methoden beantwortbare Fragen
Zusammenhang zur allgemeinen Fragestellung erkennbar
Zweck
Struktur + Gliederung des diagnostischen Prozesses
Erhöhung Transparenz und Prüfbarkeit des Gutachtens
Geordnete Darstellung
nach Inhaltsbereichen, Wichtiges zuerst
Festlegung Anforderungsmerkmalen
Untersuchungsmethoden
Kurze und verständliche Beschreibung der eingesetzten Verfahren
Testname, Autor(en), Jahr, Auflage, Verlag
Was Verfahren erfasst und wie (Aufgabenart etc.)
Angabe, welche Info mit welchem Verfahren erhoben wurde und wie zur Beantwortung beitragen
Begründung der Verfahrensauswahl (z.B. hohe Reliabilität)
Durchführungsbedingungen (Ort, Zeit etc.)
Untersuchungsergebnisse
Geordnete Darstellung
nach Fragen oder Untersuchung
Verbalisierung erreichten Standardwerte in Vergangenheitsform,
Nennung der Referenzgruppe und des Konfidenzintervalls
Beispiel: «Herr M. erzielte ein durchschnittliches Ergebnis (IQ = 107) im Vergleich zu gleichaltrigen Männern. Unter Berücksichtigung der Messgenauigkeit mit einem KI von 90%...»
Formulierungskonventionen einhalten
Noch keine Interpretation
Auch Beschreibung des Testverhalten der Person
Interpretation Ergebnisse => Befund
Ziel
: Beantwortung der psychologischen Fragen
Integration und Bewertung aller verfügbarer Informationen
(selbstgewonnen und vorliegende Quellen)
Aufbau richtet sich nach psych. Fragen
Erwähnung übereinstimmenden und widersprüchliche Ergebnisse
Erklärung Widersprüche finden und erörtern
Trennung Fakten und deren Bewertung
Überblick Ergebnisse mittels
Befundbogen
Alle Informationen berücksichtigt (Übereinstimmungen und Widersprüche)
nicht Teil abgelieferten Gutachten, verbleibt bei Gutachter*in
Mehrfachbeleg
Stellungnahme
Beantwortung der Fragestellung des Auftraggebers
Unentscheidbares nennen
Nicht über Fragestellung hinausgehen
Begründung von Ausschluss Alternativerklärungen
Transparenz
Persönliche Prädiktion (z.B. Frau X ist überdurchschnittlich erregbar)
o Empfehlungen (eventuell)
o Unterschrift, Literatur, evtl. Anhang
Unterschrift Gutachter mit Ort und Datum
Exakte
Angaben zu Verfahren
und evtl. zitierten Werken
Materialien
z.B. Interview im Wortlaut im Anhang
Datenintegration: diagnostisches Urteil, das diagnostische Gutachten
Diagnostische Untersuchung
Einsatz der ausgewählten Verfahren
Idealfall: liefert Antwort auf Fragen
Unbefriedigende Ergebnisse, die evtl. neue Datenerhebung erfordern
o nicht eindeutige, widersprüchliche oder ungültige Antworten (z.B. soziale Erwünschtheit)
liegt aussagekräftige Information vor, dann zur Beantwortung der Fragestellungintegriert
Qualität von Gutachten:
früher oft mangelhaft --> neu Regelung/Mindestanforderungen --> Besserung
Das diagnostische Urteil
Definition (gekürzt)
o Schmidt-Atzert & Amelang, 2012: «
Beantwortung
einer Fragestellung unter Verwendung von bereits vorliegenden diagnostischen Informationen»
o Richtigkeit prüfen anhand Fallmaterial und Kriteriumswerten
Klinische vs. statistische Urteilsbildung
o Häufigkeit in der Praxis:
98% klinisch
31% statistisch
o Datenauswertung und -interpretation => Diagnostische Urteilsbildung, welche in klinisch vs. statistische Urteilsbildung unterteilt ist
o Klinische Urteilsbildung:
Erfahrungsbasiert
Beurteilung durch
Expert*innen
oder Expertengremien
Besonderheiten Individuums berücksichtigt
Auswertung und Interpretationen
durch Vergleich mit ähnlichen Fällen
Keine
expliziten, empirischen validierten
Regeln
zur Urteilsbildung
Anwendungsbeispiele:
Unstandardisiertes Bewerbungsgespräch
Klinisch-psychologische Eignungsdiagnostik ohne regelbasierte Beurteilungsstrategien
Statistische Urteilsbildung
Expert*innenwissen nicht notwendig
Daten nach Formel/Regel verrechnet
, die zuvor aus empirischen Untersuchungen abgeleitet
Beispiel: Beruferfolg = .51 x Intelligenz + .02 x Graphologie
Vorhersagemodell basiert optimalen Fall auf statistische Analysen wie Regressionsanalyse, alternativ:
ungewichtete Summe aller Prädiktoren
rational aufgestellte Regeln zur Kombination von Daten
Besonderheiten Individuum nicht einbezogen
Empirische Prüfung der Validität durch Metaanalysen
Ergebnisse:
Überlegenheit/superiority => statistischer Urteilsbildung
Aber kleine Effekte
Grenzen
klinische Urteile
Verzerrungstendenzen
in Personenbeurteilung
Inkonsistenzen
bei Verwendung diagnostischer Urteilsstrategien
statistische Urteile
Mangelnde Verfügbarkeit geeigneter Modelle
Begrenzte Anzahl an Prädiktorvariablen
Besonderheiten des Individuums nicht genutzt
Lösungsvorschläge
Vorteile und Chance beider Modelle nutzen
Bei Zweifel der Angemessenheit des Modells => Korrektur oder Ergänzung von Informationen
Nutzung von Rückmeldung über Gültigkeit Diagnose bzw. Prognose
kontinuierliche Prüfung Diagnose/Prognose
Optimierung beider Strategien