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VL04_ Sprachdidaktik Sprechen und Zuhören
Zum Gegenstand: Sprechen und Zuhören
Mündlichkeit & Schriftlichkeit
Klassifikation nach
Koch/ Österreicher, 1985
Klassifikation nach
Dürscheid 2006, 24ff.
Mündlichkeit – Multimodalität
Sprechende/Zuhörende interpretieren mehr als nur den sprachlichen Gehalt der gesprochenen Äußerung:
Bewusst oder unbewusst lässt er den gesamten
körperlichen Ausdruck
– von der Stimme über Mimik und Gestik, über die Bewegung von Kopf, Schultern, Rücken etc. bis zur vollständigen Körperhaltung – in seine Interpretation mit einfließen.
Auffassung von Sprache, die den Körper und seine Bewegung als konstitutives Moment begreift:
In der Sprachproduktion ist der
Körper
aktive Stütze der Stimme und
Mitgestalter der Äußerung
.
In der Sprachrezeption ist der
Körper Teilhabender im Prozess des Hörens und Verstehens
.
Zuordnungen variieren und auch die Zuweisungen haben Schnittmengen
Kinesik
Mimik
– sichtbare Bewegungen der Gesichtsoberfläche
Gestik
– Bewegung der Extremitäten (Hände und Arme, aber auch ggf. Kopfbewegungen)
Körperorientierung
(Bewegungsausrichtung, auch Blickkontakt)
Körperbewegung
(Dynamik von Bewegungen)
Körperberührung
(taktile Kontakte)
Proxemik
– Position im Raum
Gebärden
Relevanz
In der sprachwissenschaftlichen wie sprachdidaktischen Forschung gilt (vornehmlich) ein Primat der Schriftlichkeit.
(Mediale & konzeptionelle) Mündlichkeit
besitzt eigene Ausdrucksmittel
ist konstitutiv für jedes unterrichtliche Handeln
ist als
kommunikative Praktik
zu charakterisieren
(analog zu Textsorten) in unterschiedlichen
kommunikativen Gattungen
Kommunikative Praktiken / kommunikative Gattungen
Kommunikative Praktiken
(Fiehler et al. 2003)
„Gesprochen und geschrieben wird nicht schlechthin, sondern
jedes Sprechen und Schreiben geschieht in und ist Bestandteil von
kommunikativen Praktiken
”
"Kommunikative Praktiken sind soziale Praktiken, Formen sozialer Praxis. Es handelt sich um
gesellschaftlich herausgebildete konventionalvisierte Verfahren zur Bearbeitung rebkurrenter kommunikativer Zwecke
"
Domäne und Funktion einer Praktik bestimmen, ob diese mündlich oder schriftlich durchgeführt wird
Merkmale mündlicher kommunikativer Praktiken
Kurzlebigkeit [Körper]/Flüchtigkeit [Schall] (konstitutiv)
Zeitlichkeit (konstitutiv)
Anzahl und Größe der Parteien
Kopräsenz der Parteien und Gemeinsamkeit der Situation
Wechselseitigkeit der Wahrnehmung [Monitoring]
Multimodalität der Verständigung [somatische Komm.]
Interaktivität
Bezugspunkt der Kommunikation
Institutionalität
Verteilung der Verbalisierungs- und Thematisierungsrechte
Vorformuliertheit von Beiträgen
Kommunikative Gattungen
Wenn kommunikative Praktiken
mündlich
realisiert werden, nennen wir das
kommunikative Gattung
(z.B. Unterrichtsgespräch)
Wenn kommunikative Praktiken
schriftlich
realisiert werden, nennen wir das
Textsorten
(z.B. Kochrezept)
Kommunikative Gattungen und Textsorten stellen
musterhafte Realisierungen von Lösungen für Standardprobleme
dar.
-->
z.B. die Todesanzeige, die Spielerklärung
Wir orientieren uns an solchen Mustern, wenn wir die kommunikativen Praktiken realisieren wollen. Die Muster können sich aber durchaus auch verändern.
Bildungsstandards
Sprechen
Richtig und angemessenen Sprechen / Artikulation, Wortschatz etc (wichtig in Primar- und Sekundarstufe I)
In Gesprächen agieren (zunehmende Bedeutung)
Vor einer Gruppe sprechen (Präsentieren; Rhetorik) (zunehmende Bedeutung)
Hören
Hören
-->
Zuhören (Relevanz nimmt augenscheinlich in der Sekundarstufe ab bzw. wird vorausgesetzt)
Für die Lernenden heißt das,...
in der Grundschule geht es vornehmlich darum, sich in strukturierten
Gesprächen über Sachverhalte von Welt
zielorientiert auszutauschen
In der Sek I wird das fachliche Lernen ausgeweitet und ausdifferenziert, die
Schriftlichkeit
nimmt an Bedeutung zu,
Argumentieren
und
Erklären
gehören zu den zentralen Aufgaben innerhalb der
Mündlichkeit
In der Sek II schließlich steht die Vorbereitung auf Beruf und Studium im Fokus sowie das
öffentliche Sprechen (Präsetieren) in institutionellen Kontexten
Die Erwerbsperspektive
Gesprächskompetenzen
Gespräche = prototypische Formen mündlicher Kommunikation:
Voraussetzung
: Gegenseitige Anwesenheit und Wahrnehmung voraus (ich-hier-jetzt), das ermöglicht...
Implizitheit
Indexikalität
Kontextabhängigkeit von Sprache
Verweis eines Ausdrucks auf ein Konzept; Ausdrücke sind vage, unpräzise und mehrdeutig
Sequenzielle Struktur
Grammatische Abweichungen gegenüber der Schriftsprache
und es verlangt die Organisation des Diskurs durch Sprecherwechsel (Einheit: turn)
Herausforderungen
an den Gesprächsteilnehmer:
Gespräche finden im
kontext- und situationsbezogenen Raum
statt, d.h. in bestimmten kulturellen und sozialen Kontexten, innerhalb einer Domäne, eingebettet in eine Situation.
Gesprächsteilnehmer müssen die Situation erkennen und situations- und kontextangemessene kommunikative Strategien (Register) anwenden
Gespräche sind flüchtig und kontinuierlich
, d.h. die Teilnehmer sollten bestimmte Unterstützungsverfahren zur Verständigungssicherung nutzen
Gespräche sind dialogisch,
d.h. die Teilnehmer müssen den Sprecherwechsel organisieren, erkennen, wann sie selbst ‚dran‘ sind, Überlappungen möglichst vermeiden und selbst wieder den turn weitergeben.
Gesprächskompetenz = Prozesskompetenz
Thematisches Wissen prozessieren
bedeutet die Fähigkeit, fortlaufend auf gespeichertes Wissen zugreifen und versprachlichen zu können.
Identität und Beziehung prozessieren
verlangt, die eigene, auch institutionell bedingte Identität (Schüler*in – Lehrkraft) verbal und non-verbal darzustellen; wegen der Körpergebundenheit bestehen weniger Rückzugsmöglichkeiten als beim Text.
Handlungsmuster prozessieren
erfordert neben Kenntnissen über die Muster die Fähigkeit zu erkennen, wo man sich befindet, was von einem erwartet wird und es zu realisieren.
Unterstützungsverfahren prozessieren
verlangt Verstehensprobleme zu antizipieren, zu signalisieren und zu bearbeiten.
Die Entwicklung von Gesprächskompetenz
vollzieht sich, indem an die Stelle lokaler, stark assoziativer und sprecherbezogener Verfahren des sprachlichen Handelns zunehmend globale, vorausschauende und hörerbezogene Verfahren treten
(Quasthoff 2003)
.
Konkret geht es um die Fähigkeiten zur
Thematisierung, Kontextualisierung und Markierung
:
Anfangs benennen Kinder nur persönlich bedeutsame Sachverhalte in ihrem Kern und aus ihrer Perspektive
Später lernen sie, komplexe Sachverhalte vollständig und aus fremder Perspektive darzustellen. Äußerungen werden anfangs nicht in den Kontext eingebettet. Die jeweilige kommunikative Funktion wird sprachlich zunächst nicht markiert.
Erzählkompetenzen entwickeln
Erzählen kann das Erzählen von Alltagsbegebenheiten
(
Erzählen im weiteren Sinne
, Ehlich 1991)
oder das Erzählen von fiktiven Geschichten
(
Erzählen im engeren Sinne
, Ehlich 1991)
zum Thema haben.
Erzählkompetenzen entwickeln sich zwischen 4-8 Jahren, sie bedürfen dazu aber der Unterstützung elaborierter (Zuhör-) Partner*innen (Beobachtungsinstrument DO-BINE).
Entwicklung der Erzählfähigkeiten
(Becker 2005, 196)
beginnt interaktiv, bleibt aber nur teilweise interaktiv
(Interaktivität)
kann didaktisch unterstützt werden
(didaktische Unterstützung)
wird von kognitiven Fähigkeiten begrenzt
(kognitive Determination)
wird zu Beginn von rhythmischen Elementen unterstützt
(rhythmische Unterstützung)
entsteht gefördert und im Austausch mit anderen Texten
(Intertextualität)
verläuft innersprachlich ohne Unterstützung durch außersprachliche Vorgaben (visuelle Reize können ablenken)
(sprachliche Prävalenz)
verläuft von der Lösung allgemeinsprachlicher Aufgaben zur Lösung textsortenspezifischet Aufgaben hin zu einem
Textmusterwissen
Perspektiven auf (die Analyse) mündlicher Erzählungen
Textstruktureller und grammatischer Ansatz
Analyse kognitiver Muster
Dialogorientierter, interaktionstheoretischer Ansatz
(Quasthoff et al.)
Erzählen ist dann eine “Form der verbalen Aktivität, die mindestens zwei Teilnehmer [fordert], indem sie für sich wechselseitig deutlich die Rollen Erzähler und Zuhörer installieren, gemeinsam und aufeinander zugeschnitten betreiben”
(Hausendorf/Quasthoff 1996, 19)
.
Erzählungen sind Ko-Konstruktionen von Sprecher und Hörer
Erzählungen werden als Diskurseinheit begriffen.
Interaktives Erzählen bezieht sich auf ein einmaliges, berichtenswertes Erlebnis in der Vergangenheit, das etwas ‘Ungewöhnliches’ (Planbruch) enthält.
Die Vermittlungsperspektive
Hören & zuhören - Höraufgaben gestalten
Höraufgaben in der Schule sind häufig ausschließlich auf den Wissenserwerb bezogen, Informationen müssen identifiziert und widergegeben werden.
Denkbar...
Wiederkehrende Zuhöraufgaben
Zuhören mit anderen Kompetenzbereichen vernetzen (z.B. Wortschatzerwerb) – Geräusche selber produzieren und benennen / Geräuschequiz
Basale Zuhörfähigkeiten schulen (Lexemebene)
Gezielte Hörpausen (Stille) einlegen
Hören und Bewegen (“Bei ‘Apfel’ alle auf ein Bein stellen”)
Aber auch aktives Zuhören üben (im Sinne Quasthoffs als Zuhörer*in einer Erzählung fungieren)
Fantasiereisen
Hörspiele, Podcasts produzieren
Hören
= physiologische Bedeutung (wie werden Schallwellen vom Ohr aufgenommen und rezipiert?)
Zuhören
= sozial-kommunikative Bedeutung (was ist in der Situation relevant?)
Herausforderung für Lernende (in der Schule:
Raumakustik – Lärm bindet kognitive Ressourcen
geringere Aufmerksamkeit, besonders belastend für Kinder mit Hörproblemen oder mit nicht-deutscher Erstsprache
Stress
(siehe Tabelle*n)