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Bibeldidaktik Frühjahr 2016 Thema 1 (Gründe für das Arbeiten mit der Bibel…
Bibeldidaktik Frühjahr 2016 Thema 1
Erörtern Sie die Herausforderungen heutiger Bibeldidaktik!
Biblische Themen, Michael Fricke
die Bibel ist Bezugspunkt einer jeden Generation von Christen für das Fragen nach Gott
die Bibel genießt in der Kirche als Heilige Schrift höchste Autorität
in der Schule hat die Bibel zunächst die Rolle eines Buches wie jedes andere
es hängt von seiner religiösen Sozialisation ab, ob jemand besonderen Respekt gegenüber der Bibel hat
viele SuS kommen nicht mehr in Familie und Gemeinde mit der Bibel in Berührung, sondern allein im Religionsunterricht
es hängt jeweils vom konkreten Unterricht ab und der Art, wie die Bibel als Lerngegenstand ins Spiel kommt, ob die SuS in Kommunikation mit ihr treten können
Michael Fricke, evangelischer Religionspädagoge
Skizzieren Sie anhand eines Beispiels schülerorientierte Methoden im Umgang mit biblischen Texten!
bibeldidaktische Methode für die Primarstufe von Rainer Oberthür am Beispiel der Hiobsgeschichte:
die Geschichte wird auf Karteikarten geschrieben, auf jeder Karte steht ein prägnanter biblischer Vers (Hiobs Klagen, Hiobs Worte zu den Freunden, Hiobs Fragen an Gott, Gottes Worte an Hiob)
noch kennen die Kinder weder Inhalt noch Verlauf des Hiobbuches
zu je einer Karte gestalten die Kinder Bilder, notieren eigene Gedanken oder schreiben eine Geschichte
die Ergebnisse werden in der richtigen Reihenfolge der Bibelverse vorgestellt
im Gespräch wird erarbeitet, dass es sich um eine Geschichte des Leidens handelt, die für jeden gelten kann.
nun erzählt die Lehrkraft die Hiobgeschichte
Anschließend: Verarbeitung der Geschichte...
in Formen bildnerischen Ausdrucks oder kreativen Schreibens
mögliche Impulse: "Hast du dich schon mal bei Gott über etwas beklagt, als du dich über ihn geärgert hast?", "Schreibe eine Hiob-Geschichte von heute!" oder "Schreibe Sätze über Gott mit doppeltem Sinn!"
Gründe für das Arbeiten mit der Bibel, Michael Fricke
aus theologischer Sicht
sie zeigt den Menschen als Ebenbild Gottes, schöpferisch und liebend, aber auch getrieben von Angst, Neid und Hass, fähig zu äußerster Gewalt und Zerstörung
sie beschreibt nicht nur Realität, sondern ruft zur Hoffnung für diese Welt, zu ihrer Veränderung und gemeinschaftsorientiertem Handeln auf. Sie ist ein Wegweiser zum gelingenden Leben, dessen Ausgestaltung individuell zu entdecken bleibt
Die Bibel ist Gottes Wort in Menschenwort: Was über Gott zu erfahren ist, ist durch die Bibel zu lernen. Die Bibel bedarf einer Auslegung in einen bestimmten Kontext hinein und besitzt nie absolute Gültigkeit
aus bildungstheoretischer Sicht
biblisches Lernen leistet einen Beitrag zur Allgemeinbildung
um die Gegenwart besser zu verstehen, ist es für SuS notwendig, die Quellen der eigenen Kultur kennenzulernen.
Für die Wertebildung spielt die Bibel eine wichtige Rolle
das Lernen an der Bibel vermittelt religiöse Sprachfähigkeit
-Sprache ist ein Schlüssel zur Sozialisierung und Selbstverwirklichung
Wirklichkeit eröffnet sich in und durch Sprache
die Sprache der Bibel zeigt eine Dimension der Wirklichkeit, die über das Sicht- und Greifbare hinausgeht
RU vermittelt die Kompetenz der SuS, selbst Wirklichkeit religiös-existenziell zu erschließen und religiös ausdrucksfähig zu werden
die Auseinandersetzung mit biblischen Erzählungen hilft Orientierung für das Leben aufzubauen und Urteilsfähigkeit, Sensibilität und Mitgefühl zu entwickeln
es besteht in der Bibeldidaktik in den folgenden Punkten Konsens: (Michael Fricke)
Gegenstand der Bibeldidaktik ist Kommunikation zwischen SuS und Bibel
diese Kommunikation besteht aus:
Einführung in die Welt und Textwelt der Bibel
Aufnehmen von Wissensbeständen
vor allem: das aktive Auseinandersetzen mit und persönliche Aneignen von biblischen Inhalten und Formen, mit dem Ziel, Bibel eigenständif auslegen zu können
die zwei Parameter der Bibeldidaktik: bibelgemäße und schülerorienierte Ausrichtung
für jede Schulstufe sind unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen
ein Grundprinzip der Bibeldidaktik ist die Auslegung durch die SuS
Auslegung durch die SuS = Kommunikation mit der Bibel
zwei Voraussetzungen nach Friedrich Schweitzer:
-Lehrkraft muss die SuS als "aktive Rezipienten" sorgfältig wahrnehmen und ihre Deutungen nachvollziehen
Lehrkraft begibt sich mit den SuS in den Prozess des gemeinsamen Auslegens, wobei auch das eigenständige Auslegen unterstützt wird
damit es nicht zu Willkür und Beliebigkeit kommt, muss sich die Rezeption des Einzelnen an den Text zurückbinden lassen
die Aufgabe Anwalt des Textes zu sein, kommt nicht nur der Lehrkraft, sondern auch allen SuS zu, nur so können sich alle Beteiligten zu einer Weiterentwicklung der eigenen Interpretation anregen lassen
die Lehrkraft muss sich vom Selbstverständnis lösen, immer zu wissen, was richtig ist
Rätselhaftes soll benannt und offene Fragen sollen ausgehalten werden
Methoden zur eigenständigen Bibelauslegung
die SuS Fragen zum Text stellen lassen
nach dem Lesen oder Hören eines biblischen Textes
jedes Kind setzt einen anderen Schwerpunkt bei der Aneignung des Textes
über die Schwerpunktsetzung geben die Schülerfragen Auskunft
Arbeiten mit Schülerfragen
die Schülerfragen bereichern die Lerngruppe bei der Erschließung des Bibeltextes
die Fragen auf Kärtchen oder an der Tafel visualisieren
Schülerfragen können von SuS beantwortet werden
SuS zum kreativen Umgang mit der Bibel anregen
Ziel: die SuS sollen eigene Texte im Stil der Bibel verfassen
auch anspruchsvolle Gattungen wie Psalmen oder Gleichnisse möglich
Unterrichtsbeispiel: einen Lob- und einen Klagepsalm durchnehmen und die Kinder animieren, einen eigenen Psalm zu verfassen
Bibelrezeption aus empirischer Sicht: zwei Positionen
Grundschulkinder sind dazu in der Lage, Texte im Hinblick auf ihre Symbolik zu verstehen
in neueren psychologischen Werken wird die Auffassung vertreten, symbolisches Verstehen sei bereits Fünfjährigen möglich
die auf Piaget zurückgehende Behauptung, das Eintreten in ein höheres Stadium erfolge immer gleichzeitig in allen Bereichen des Denkens und Wissens wurde widerlegt
entwicklungspsychologische Erkenntnis: Weltbild-Wandlungen finden in den den verschiedenen Wissensbereichen zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt
Neuere bibeldidaktische Untersuchungen legen nahe, dass Kinder durch Übung, Interesse und Sozialisation Texte im übertragenen Sinn lesen können
Rainer Oberthür: Wörtliches und symbolisches Verstehen sind parallel ohne kognitive Probleme möglich
durch geeignete Lernkontexte sind Kinder dazu fähig, in Bibeltexten überzeitliches zu erkennen (z. B.: Jeder Krieg und jede Feindschaft beginnt mit etwas Kleinem, genau wie bei Kains und Abels Feindschaft)
natürlich findet sich bei Kindern trotzdem auch das wortwörtliche Verstehen der Texte
Link
Kindertheologie
: Im Rahmen der Kindertheologie hat sich eine Bibelauslegung von und mit Kindern etabliert
Grundschulkinder sind nicht dazu in der Lage die Bibel angemessen zu verstehen
Ronald Goldmann 1964:
die Bibel sei kein Buch für Kinder
Er argumentierte mit Jean Piaget, dass Kinder unter 12 Jahren aufgrund ihrer fehlenden formal-operatorischen Denkstrukturen biblische Geschichten völlig missverstehen würden
Anton Bucher, 1990:
er untersuchte ob Grundschulkinder dazu in der Lage sind, Gleichnisse im Sinne der exegetischen Gleichnistheorien zu verstehen
Sein Fazit war negativ
z. B. sahen die SuS nicht, dass der "Herr" im Weinberg (Mt 20) Gott ist
Bucher empfahl deshalb, Gleichnisse in der Grundschule noch nicht als Gleichnisse zu thematisieren, sondern nur deren Bildhälfte zu erschließen
nach Ingo Baldermann besteht das Ziel der Bibeldidaktik darin, "Begegnungen herbeizuführen zwischen den Kindern und den Worten der Bibel, Begegnungen, mit denen ein Dialog beginnt, der länger dauert als mein Unterricht."
das erfolgt dadurch, dass das lernende Subjekt nicht nur das Kognitive, sondern auch das Emotionale erschließt
Beispiel: Arbeit mit Psalmen
sie ermöglicht den Kindern eine Wahrnehmung und Versprachlichung ihrer Gefühle, ohne sich selbst zu sehr zu entblößen
An die Tafel wird ein Satz aus einem Psalm geschrieben: "Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäß."
die Kinder wissen zunächst noch nicht, dass es ein Satz aus der Bibel ist
die Sus äußern sich zu dem Satz, wer ihn gesagt haben könnte und warum
die Kinder suchen nach Assoziationen aus ihrem Erfahrungsbereich
sie tauchen in die Sprache der Bilder ein
sie erfahren Freude an Reflexion und Gespräch
Ingo Baldermann, evangelischer Religionspädagoge
Rainer Oberthür ist der Ansicht, dass im RU die Aneignung wichtiger ist, als die Vermittlung: "Das Finden einer eigenen Sprache und das eigene Verstehen der Kinder als Subjekte ihrer (religiösen) Lernprozesse ist im Religionsunterricht höher zu bewerten als die aus Erwachsenenperspektive theologische 'Richtigkeit' der Sache"
Rainer Oberthür, katholischer Religionspädagoge
Horst Klaus Berg
die Hauptkennzeichen seiner Bibeldidaktik sind:
die Kritik an einer unreflektierten Bibeldidaktik
der Entwurf des Kontextmodells
Berg wendet sich gegen den "unkritisch-normativen" Gebrauch der Bibel im RU, etwa wenn in der Grundschule biblische Erzählungen wie Tatsachenberichte behandelt werden
dadurch würde die Geschichtlichkeit der Texte nicht ernst genommen und damit ihre Dynamik lahm gelegt
er kritisiert den Gebrauch biblischer Gestalten als Vorbilder, etwa wenn SuS Maß nehmen am friedensfähigen Abraham
kein Kind oder Heranwachseneder kann sich an diesen Personen messen, die im Prozess der Überlieferung imme weiter mit idealisierenden Zügen erhöht worden sind
Das Kontextmodell
zum Problem der wechselseitigen Erschließung von biblischer Überlieferung und heutiger Erfahrung schreibt Horst Klaus Berg:
Tradition und Situation dürfen nicht einfach parallelisiert werden, etwa indem der Aufbruch Abrahams in Gen 12 mit einem Umzug heute verglichen wird
anstelle muss durch grundlegende Erfahrungen, Probleme oder Erkenntnisse eine indirekte Verbindung zwischen den beiden hergestellt werden, in Gen 12 z. B. ist dies das Grundvertrauen, das Abraham zu seinem Handeln ermutigt
Kontext 1:
Erschließung von Lebenszusammenhängen und Erfahrungen, in denen die biblischen Geschichten entstanden sind
ursprungsgeschichtliche Bibelauslegung, die den jeweiligen Text als Antwort auf eine bestimmte Situation versteht
so betont z. B. der Autor von Gen 2,7 im Gegensatz zur aufkommenden Ideologie, die den König als Sohn Gottes und Herrscher mit unbegrenzter Macht sieht, die Herkunft eines jeden Menschen, und damit auch des Königs, aus dem Staub (Kontext 1) Diese Antwort kann auch heutige Situationen beleuchten, in denen sich Menschen über andere erheben (Kontext 2)
Kontext 2: Erschließung inwieweit und wo die Botschaft des Textes die Lebenszusammenhänge und Erfahrungen der SuS beleuchtet
Horst Klaus Berg, evangelischer Theologe
Peter Müller: Schlüssel zur Bibel
dieser Bibeldidaktischer Ansatz eignet sich vor allem für die Sekundarstufe
Müllers Ansatz ist gleichermaßen an der Popularkultur und an der (Text-)Welt der Bibel ausgerichtet
Peter Müller hat seine Bibeldidaktik
für SuS konzipiert, die noch keinen Zugang zur Bibel haben
daher sucht er nach Schlüsseln, die geeignet sind, eine Tür zur Bibel aufzuschließen
die Schlüssel müssen an die Welt von Kindern bzw. Jugendlichen anschlussfähig sein
Als Schlüssel kommen folgende Themen in Frage:
die Bibel in der Popularkultur (Werbung, Filmen, Musik) und in biblisch gefärbter Alltagssprache
"Gott im Netz", d. h. Debatten um Gott, die sich in Foren und Blogs finden
grundlegende Fragen von Kindern bzw. Jugendlichen
die Schlüssel der Popkultur müssen dazu in der Lage sein, von ihnen ausgehend Querverbindungen zu den Schlüsseln der (Text-)welt der Bibel / biblischen Inhalten herzustellen, z. B. zu biblischen Textabschntten, Szenen, Bildern, Einzelverse, Worte
Peter Müller, evangelischer Religionspädagoge
Franz W. Niehl: Bibel als (Sonderfall der) Literatur
Niehl betont die Bedeutung von Erzählungen
Erzählungen strukturieren das Leben und das Selbstbild des Menschen
nach Niehl ist Erzählen eine lebensnotwendige Form der Selbstvergewisserung und gleichzeitig ein schöpferischer Prozess
Erzählungen haben eine Appellstruktur: sie laden dazu ein, ihre Sichtweise zu teilen
Erzählungen inszenieren ein Spiel von Abgrenzung und Identifikation
Erzählungen erzeugen eine Reibung zwischen Erzählwelt und realer Welt: der Leser taucht in die Erzählwelt ein, aber gleichzeitig denkt er: Das ist nicht meine Welt, ich würde mich nie so verhalten wie der Protagonist
welche Beziehung entsteht beim Lesen zwischen den biblischen Erzählwelt und der Welt des Lesers (seine Lebenserfahrungen etc.)
Niehl sieht die Bibel als Sonderfall der Literatur, als Sammlung von überweigend fiktionalen Erzählungen
Trotzdem ist sie der zentrale Verständigungstext des Christentums
Sie will Sinn, Orientierung und Hoffnung stiften
Niehl empfiehlt vier Phasen der Textarbeit:
Textbegegnung
: Methoden: z. B. Vorlesen, Erzählen, Einspielen über Tonträger, Textpuzzle
Texterschließung
: die SuS entdecken und analysieren den Text, die sprachliche Gestalt und den Inhalt des Textes, Methoden: z. B. Gliederung, Erarbeitung nach Leitfragen, Textvergleich
Auseinandersetzungen
: die Lebenswelt der SuS und die Textwelt kommen ins Gespräch, Methoden: z. B. Bibeltexte aktualisierend und perspektivisch umformen, Anti-Texte schreiben, Stellungnahmen verfassen
Textaneignung
: die SuS ziehen aus dem Text das für sie persönlich Wertvolle heraus und verankern es im Gedächtnis, Methoden: z. B.: partielles Ausweniglernen, Sammlung von "meinen Schätzen"
Franz W. Niehl, katholischer Religionspädagoge